Interview mit iconicSky-Entwickler und Astronom

Interview - © Brian Jackson - Fotolia.comHeute kann ich Euch wieder ein tolles Interview vorstellen. Als ich die Antworten von Christian erhielt, saß ich vor meinem Rechner und war erst einmal sehr erstaunt, wen ich da als Interviewpartner gewinnen konnte. Es ist wirklich Klasse, wen man so alles in seinem Amateurastronomenleben kennen lernt. 

Christian ist Astronom in England und kennen gelernt hab ich Ihn durch meine Anfrage bei Spektrum der Wissenschaft wegen des iPad-App iconicSky.

Dieses hab ich ja hier im Blog beschrieben und wer ein iPad besitzt, kann die App sogar bei der Wahl der Astronomiesoftware 2011 gewinnen.

Lest hier aber das Interview selbst.


1. Hallo Christian. Stelle Dich doch bitte meinen Lesern kurz vor.

Ich habe vor gut 12 Jahren am Max-Planck-Institut für Astronomie promoviert und lebe und arbeite seit knapp zehn Jahren in Oxford.

Ich habe unter anderem den Survey COMBO-17 geleitet, der mit der Weitfeld-Kamera am ESO/MPI-2.2-m-Teleskop auf La Silla durchgeführt wurde und die Entwicklung von Galaxien während der letzten 10 Milliarden Jahre untersuchte.

Ansonsten arbeite ich an Supernovae und Gamma-Ray Bursts. Zuletzt habe ich mir eine Auszeit genommen, um die App zu entwickeln.

2. Du hast iconicSky entwickelt. Beschreibe doch bitte ein wenig den Werdegang einer App-Entwicklung und an welche Benutzer sich die App richtet.

Die App ist ein Erkennungsquiz und soll damit unterhaltsam sein. Ganz wesentlich soll es aber auch astronomisches Wissen vermitteln und mehr Leute von der Astronomie begeistern, die bislang bei dem Thema außen vor standen. Also habe ich versucht, mir ein Spielschema auszudenken, von dem ich erhoffe, dass es die Benutzer festhält und motiviert, die astronomischen Objekte kennenzulernen.

Die Spielidee der Bilderkennung mag zwar wenig innovativ erscheinen, und man könnte meinen, es erfordere nicht mehr Intellekt, als ein Kind beim Erlernen von Formen und Farben aufbringt; doch viele Menschen fühlen sich ganz im positiven Sinne in der Rolle von Kindern, wenn Sie dem Weltall begegnen – das All ist eine große, unüberschaubare Welt, in der es soviel zu entdecken gibt, was die eigene Vorstellung übersteigt.

Das iPad erschien mir durch den Touch-Screen als ideale Plattform – auf der man selbst klassische Brettspiele realisieren kann, sodass man in Zukunft jederzeit seine ganze Spiele-Sammlung dabei haben kann.

Bei der Entwicklung versuchte ich zuerst herauszufinden, ob ich denn die Bilder von ESO und NASA benutzen darf, und ob sie das Thema breit genug abdecken. Dann ging ich daran, die Programmiersprache Objective-C und das Betriebssystem iOS zu lernen. Als klar war, dass das Projekt realisierbar ist, machte ich den Sprung und zog mich nach Abschluss anderer Forschungsarbeiten ganz in die Entwicklung des App zurück.

3. Was waren die größten Schwierigkeiten bei der Entwicklung?

Ich war zuvor nur das sequenziell-prozedurale Programmieren gewohnt und musste Vieles, was heute Standard ist, erst neu lernen, etwa das objektorientierte Programmieren. Insbesondere hatte ich aber noch nie eine Sprache benutzt, in der ich meine eigene Speicherverwaltung machen musste – in technischer Sprache: Es gibt keine "Garbage Collection" im iOS.

Da ging anfangs noch Einiges schief. Dann war ich etwas naiv und langsam dabei, das iOS richtig zu nutzen, denn anfangs versuchte ich, die Webseiten, auf welche die App hin-linkt, in einem App-eigenen Fenster darzustellen, und habe einen halben Web-Browser ins App hineinprogrammiert. Dabei bekam ich sehr viel Probleme mit der Speicherverwaltung, und gab auf, nachdem mir klar wurde, dass ich mit einem einzelnen Befehl aus der App heraus den System-Browser ("Safari") aufrufen kann.

Hätte ich also nicht ganz so ungeduldig drauflos programmiert, dann wäre mir manche Mühe erspart geblieben, weil ich besser gewusst hätte, wo mir Apple schon Arbeit abnimmt. Zu guter Letzt hat es sehr lange gedauert, die ganzen Einleitungstexte zu schreiben, die den Umfang mehrerer Zeitschriftenartikel haben. Den Zeitaufwand bis zur 100%-igen Fertigstellung habe ich gewaltig unterschätzt, nachdem am Anfang eigentlich alles so schnell zusammen kam.

4. Die App ist ja nicht nur für die reine Astronomieszene entwickelt. Wie nehmen die Amateurastronomen an? Welche Rückmeldungen erhältst Du zu dem App?

Rückmeldung habe ich im Wesentlichen von Personen, die in meiner Anwesenheit die App benutzt haben. Das führt in der Regel dazu, dass ich mein iPad einige Stunden lang nicht wieder zurück bekomme, und mich getrost mit einem Glas Wein in eine Ecke verziehen kann.

Diese Reaktion kommt von Bekannten, die keinerlei Wissen über Astronomie haben genauso wie von promovierten Astronomen-Kollegen. Zu Amateuren habe ich derzeit keine persönlichen Kontakte, und Reviews auf dem App-Store sind noch zu selten, um aussagekräftig zu sein.

5. Du verwendest neben Bildern von ESO/ESA/NASA auch Bilder von Amateurastronomen. War es schwierig für die App Bilder zu finden?

Die letzten 10% der Bilder zu finden war erstaunlich schwierig. Ich hatte hier zwei Motivationen:

1) Amateure und wenig bekannte Institutionen mit einzubeziehen, zu deren Webseiten ich im App Links anbiete, womit die Benutzer außerhalb der Astro-Szene sehen sollen, was es alles an Aktivitäten gibt, und das man nicht NASA heißen muss, um einen tollen Nebel zu fotografieren

2) Das Thema astronomische Objekte breit abzudecken, und insbesondere die sehr bekannten Objekte mit drin zu haben, die bei Profi-Teleskopen nicht mehr ins Gesichtsfeld passen, Stichwort: Andromedanebel, Plejaden usw. – hier muss ich ganz besonders Hunter Wilson, Nicola Montecchiari und Akira Fujii danken, die ohne Zögern tolle Bilder von ganz klassischen Objekten und Sternbildern bereitgestellt haben.

Zum Vergleich: Es dauerte gerade mal eine lange Nacht, um in der JPL-Photodatenbank 6000 Bilder von Planeten, Kometen und Monden durchzusuchen, die besten auszusuchen, zuzuschneiden und im App zu verlinken. Die Bildrechte waren ja mit einem Schlag klar. Um aber die letzten zehn Bilder für die App zu sammeln, habe ich bald einen Monat gebraucht. Am meisten Stress hat mir das Portrait-Album gemacht. Ich bin gelegentlich verzweifelt durch die Wohnung gelaufen, und habe die Wände angerufen, es könne doch nicht sein, dass ich ausgerechnet von Edwin Hubble und von Chandrasekhar keine Bilder kriege; die kann man doch nicht weglassen. Am Ende hat’s aber alles geklappt.

6. Was tust neben dem Entwickeln von iPad-Apps?

Wie gesagt bin ich Astronom, und habe mir für die App eine unbezahlte Auszeit aus der Forschung genommen. Das hat mich ein gutes halbes Jahr Leben von Ersparnissen gekostet. Deshalb bat ich auch die Bildautoren, ihre Bilder unentgeltlich zur Verfügung zu stellen. Ich erwarte nicht, dass sich die App je finanziell rentieren wird, aber ich freue mich heute, wenn ich das fertige Produkt sehe.

7. Die Frage ob Du selbst der Astronomie verfallen bist erübrigt sich hier wohl. Ich weiß das Du einige Zeit für die Zeitschrift Sterne und Weltraum geschrieben hast. Wie bist Du dazu gekommen?

Ich war seit meiner Jugend SuW-Leser, und als ich im ersten Semester meines Studiums an die Uni Bonn kam, lernte ich dort einige Mitglieder der VdS-Fachgruppe Sonne kennen, stieg mit ein, und purzelte schnell in die Rolle des Autors der Quartalsberichte zur Sonnenaktivität, einer regelmäßigen Doppelseite in SuW. Von da aus nahmen viele Initiativen ihren Anfang, inklusive Feldstecher-Tests, Rezensionen und Aufsätze aus der Forschung, an denen ich einfach Spaß hatte.

8. Was ist Deine Lieblingsdisziplin in der Astronomie? DeepSky, Planeten, Astrofotografie?

Seit ich die Astronomie professionell mache, ist das Beste, auf irgendeinem Observatorium oberhalb der Inversions-Schicht einfach nur mit dem Auge in die Milchstrasse und ihre Dunkelwolken zu schauen. Ein 7×50-Glas begleitet mich immer, manchmal nehme ich auch ein 20×100 mit Stativ mit. Erde und Kosmos werden dabei wirklich eins. Und deshalb gehören Licht und Landschaft nahtlos mit dazu. Die Naturfarben in der Dämmerung der chilenischen Wüste, oder ein Sonnenaufgang auf dem südspanischen Calar Alto nach einer langen Nachtschicht, werden dann zu sehr persönlichen Erfahrungen.

9. Was vermisst Du in der heutigen Astronomieszene? Gibt es etwas was Du Dir wünschen oder anders machen würdest?

Ich kenne viele Menschen, die zum Sternhimmel keinerlei Bezug haben, vermutlich, weil sie ihn noch nie gesehen haben. Andererseits, absolut jeder, der schon mal unter einem richtig klaren Himmel stand, in einem Wüstenurlaub etwa, erzählt so berauscht davon, als sei es eine menschliche Grenzerfahrung gewesen.

Das hinterlässt immer einen prägenden Eindruck, ist aber in unseren dicht besiedelten und hell erleuchteten Ländern nicht mehr zugänglich. Was wir tun können ist, den Menschen von der Astronomie zu erzählen, und sie durch Teleskope schauen zu lassen.

Das sind zwei wichtige und wirkungsvolle Erlebnisse, aber das vorher genannte fehlt. Ich weiß nicht, wie man das effektiv angehen soll. Immerhin gibt es in einigen Ferienregionen organisierte Nachtausflüge in die Berge, zum Sternhimmel, Veranstaltungen, die in Touristenorten auf Augenhöhe mit Konzerten angeboten werden. Das ist noch ausbaufähig, und hier muss man sich nicht nur auf die hehre Wissenschaft beschränken, sondern darf in der Gestaltung auch gezielt Emotionen ansprechen. Vieles, was man in einem Vortrag über Doppelsterne hört, hat man in der Woche darauf wieder vergessen. Aber wenn jemand einen tiefen Eindruck vom Himmel mitnimmt, dann kann das eine weitere Beschäftigung mit der Astronomie auslösen. Und wem es gelingt, die Eigeninitiative seiner Mitmenschen anzusprechen, der erreicht am meisten.

10. Zum Abschluss noch eine Frage. Was empfiehlst Du meinen interessierten Lesern zum Einstieg in die Astronomie?

Bei Büchern mag ich jetzt gar nicht so gern Partei ergreifen. Zum Erfahren der Astronomie vielleicht ein paar Vorschläge ins Blaue:

1) Wenn der Kauf eines Teleskops zu teuer erscheint, lieber was Gutes gebraucht kaufen und nach einem Jahr wieder verkaufen, der Wertverlust ist gering, Teleskope altern wesentlich besser als Autos. Oder im Heimaturlaub einen Besuch an einer Volkssternwarte mit Vorführung am großen Teleskop einplanen? Ich verstehe das Problem mit dem unbeständigen Wetter, aber man muss nicht immer etwas Teures besitzen, um etwas Schönes zu erleben.

2) Nachts ruhig mal Rausfahren an einen besseren Aussichtspunkt. Das bringt oft mehr als ein dreimal teureres Gerät im eigenen Garten.

3) Etwas eigennützig noch, denn an diesem Punkt setzt mein App an: Die Bilder der astronomischen Objekte lernen, denn der erste Schritt zur Orientierung in einem Sachgebiet ist, den Gegenständen ihre Namen zuordnen zu können. Wenn man die Bilder schon mal kennt, dann kann man sich leichter vorwärts hangeln. Ansonsten erlebt man eine Reizüberflutung und kann die vielen Eindrücke nicht so leicht zuordnen.

Vielen Dank, Christian!

Aber gern geschehen :-)

Ich bin recht stolz auf das Interview und habe mich sehr gefreut die Antworten von Christian zu lesen. Es ging so weit das ich meiner Frau einige Antworten vorlas und ich Sie damit genauso begeistern konnte, obwohl Sie mit Astronomie nichts am Hut hat. Naja, Ihr Frage war dann:

Und? Jetzt willst du nach Oxford?

Natürlich möchte ich aus Berlin nicht weg, aber wenn der Weg mich dahin verschlägt, dann werde ich mich bei Dir, Christian, melden und dann trinken wir zusammen ein Glas Wein und können sicherlich uns austauschen.

Ich danke hier an der Stelle noch einmal Christian und natürlich Spektrum der Wissenschaft, ohne die ich diesen tollen Kontakt nicht erhalten hätte.


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