“Flache Erde” oder doch eher “Flaches Hirn”? (Teil 2)

Gestern habe ich den ersten Teil der Auswertung und mit der Besprechung einer Flachen-Erde-Theorie begonnen und je mehr ich mich mit dieser Materie und den absurden Argumenten einer “Flachen Erde” beschäftige desto verrückter wird die ganze Geschichte.

Basis dieser kleinen Artikelserie ist ein Video, welches angeblich 80 “Beweise” für die “Flache-Erde-Theorie” gesammelt hat. Das ALLE diese Argumente, Behauptungen und Spekulationen keinerlei Beweiskraft haben, kann man durch ein wenig Menschenverstand selbst herausfinden.

Da in diesem Video aber auf viele astronomische Themen eingegangen wird, habe ich mich entschieden genau diese Punkte aus dem Video hier im Blog zu besprechen.



Dieser Artikel ist Bestandteil der Artikelserie “Flache Erde” oder doch eher “Flaches Hirn”?

Mit klick auf diesen Link erhaltet Ihr alle Teile der Serie und andere Artikel zur Flachen-Erde-Theorie.


Mit dem heutigen Artikel möchte ich beim Punkt Punkt 15 weitermachen. Wie im letzten Artikel schon angemerkt, möchte ich NICHT alle Punkte des Videos besprechen.

Wir werden also das Video (siehe Teil 1) ab Minute 11:15 Minuten anschauen. Hier der Link mit Sprungmarke zum Video: Mit 80 Beweisen über die flache Erde

Punkt 15: Kanonenkugeln senkrecht nach oben geschossen

Ab Punkt 15 werden einige der Behauptungen, ach ne es sind ja “Beweise” wirklich etwas krude. Anders mag ich es gar nicht formulieren.

Hier wird nun die Geschwindigkeit der Erde verwendet um zu Behaupten, dass sich die Erde unter unsere Füßen wegdrehen müsste, wenn wir den Erdboden verlassen.

Das hier grundlegende physikalische Gesetze einfach mal außen vor gelassen werden, spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle.

Setzt man die grundlegenden Trägheits- und Massenkräfte außer Kraft und nimmt dies als Beweis für eine “Flache-Erde” sollte einem folgendes kleines Experiment von den Flachweltlern erklärt werden.

Experiment: Stellt Euch in einen Zug der mit konstanter Geschwindigkeit fährt oder setzt Euch in ein Auto. Nehmt nun einen Gegenstand in die Hand und werft Ihr in die Luft. Nun solltet Ihr Euch, nach den Flachweltlern aber aus der Schussbahn bewegen, denn dieser Gegenstand müsste ja nun mit der Geschwindigkeit der Bewegung Euch volle Kanne ins Gesicht fliegen. Schließlich bewegt sich das Fahrzeug, (Zug oder Auto), unter diesem Gegenstand weg.

Gut das die Physik funktioniert und der Gegenstand wieder in Eurer Hand landet.

Punkt 16 und Punkt 17 lasse ich einfach einmal weg, da dieser Effekt in Pkt. 15 schon geklärt ist.

Punkt 18: Gravitation ist eine magische Pseudokraft

Laut den Flachweltlern gibt es die Gravitationskraft nicht. Im Punkt 18 wird mit der Tatsache argumentiert, dass es bei einer Gravitationskraft ja keinerlei fliegende Vögel, Insekten oder Flugzeuge geben dürfte.

Auch hier wird wieder mit unbelegbaren Aussagen ein Beweis geführt. Leider scheint es hier bei den Flachweltlern wirklich massive Defizite in der Grundlagenphysik zu geben.

Punkt 23: Erdrotation müsste doch unser Gleichgewichtssinn beeinflussen

Im Punkt 23 wird uns nahe gelegt, dass wir doch unsere menschliche Erfahrung heranziehen sollen um die Welt um uns herum zu erklären. Das wäre sogar mal ein vernünftiger Ansatzpunkt für Start von wissenschaftlichen Untersuchungen.

Leider geht es bei diesem Punkt nicht über das “Nahe legen” hinaus, sondern es wird gleich als Beweis herangezogen. So zeigt das Video Kinder auf einem Karussell oder ein Jahrmarktskreiselkarusell wird gezeigt und die Behauptung aufgestellt, dass bei einer Erdrotation wir diese doch einfach spüren müssten.

Schließlich bewegt sich die Erde doch so schnell um Ihre eigene Achse. Da wir aber nichts spüren, muss auch die Erde keiner Rotation unterliegen.

An dieser Stelle kann ich dem Videoersteller und allen anderen Flachweltlern einfach mal empfehlen sich in dem obigen Experiment (Der Wurf eines Gegenstandes im Zug) sich aufs Ohr zu hauen (nicht im wörtlichen Sinne). Nach dem Aufwachen (ohne aus dem Fenster zu schauen) soll nun die Geschwindigkeit des Zuges geschätzt werden.  Wollen wir Wetten,

Der Mensch kann nämlich mit seinem Gleichgewichtsorgan keine Geschwindigkeiten bemerken. Wir haben nur die Möglichkeiten Beschleunigungen, also Änderungen der Geschwindigkeiten, zu bemerken.

Das kann man z.B. in Berlin in der U-Bahn ganz leicht nachvollziehen.

1. Fährt die U-Bahn an, probiert mal in Fahrtrichtung der U-Bahn zu laufen. Ihr bemerkt das Ihr gegen die Beschleunigung ziemlich ankämpfen müsst. Euer Körper möchte nämlich nach Möglichkeit in der ruhenden Position bleiben.

2. Fährt die U-Bahn konstant, ist es ganz leicht hin- und herzulaufen.

3. Fährt die U-Bahn nun wieder an, lauft mal entgegengesetzt der Fahrtrichtung. Aber vorsichtig. Ihr bekommt ein ziemlichen Höllenspeed drauf.

Diese Trägheitsgesetzt beschreiben die beschleunigten Bewegungen und die ruhenden Bewegungen sehr gut.  Nun denkt Euch das ganze für die Erde. Wir sind hier mit “konstanter” Geschwindigkeit unterwegs. Es gibt also weder positive noch negative Beschleunigungen. Und schon ist dieser Punkt wieder nur eine Behauptung!

Punkt 48: Geschwindigkeiten

Hier zählt der (Geschichten-)Erzähler des Videos die relativen Geschwindigkeiten der Erde, der Erde um die Sonne, der Sonne und sogar der Galaxie auf.

Lesen scheint er also zu können. Leider kommt auch an diesem Punkt des Videos kein einziger Beweis sondern eine reine Behauptung/Vermutung. Schließlich müsste man doch diese Geschwindigkeiten spüren und erfahren.

Auch hier sei noch einmal auf der Hinweis auf ruhende und beschleunigte Kräfte verwiesen. Dies kann man z.B. in dem Buch “Eine kurze Geschichte der Zeit” von Stephen Hawking nachlesen.

Punkt 49: “Polaris verharrt wie festzementiert an Ort und Stelle …”

Ab dem Punkt 49 kommt nun die beobachtende Astronomie ins Spiel und es ist einer der Gründe für diese kleine Artikelserie.

Zum Ersten kann sich der Autor die unvorstellbare Entfernung des Sterns Polaris nicht vorstellen. Gut, das beweist erst einmal nur begrenzte Vorstellungskraft des Videoersteller, aber noch lange keine Flache Erde.

Weiterhin wird hier von einem festzementierten Stern gesprochen. Schaut man sich das eingefügte (und wahrscheinlich geklaute) StarTrails-Video an, dann sieht man deutlich, dass Polaris sich bewegt und selbst eine Strichspur erzeugt. Das liegt natürlich nur daran, dass Polaris nicht zu 100% der Drehpunkt des Sternenhimmels ist. Dieser Punkt, nach der runden Erde-Theorie, liegt nämlich etwas neben Polaris.

Leider wird auch hier wieder nicht erklärt warum das ein Anzeichen der Flachen-Erde-Theorie sein soll. Es wird einfach nur gesagt, dass der Himmelspol sich nicht bewegt.

Quelle: Himmelspol (Wikipedia)

Anmerkung: Übrigens kam mir das StarTrail-Video irgendwie bekannt vor und daher musste ich noch einmal bei Youtube schauen. Es hat sich herausgestellt, dass der Abschnitt wohl rauskopiert war. Mal schauen. Ich hab den Autor des Originalvideos mal angeschrieben. Hier sieht man das Originale StarTrail-Video (ohne Flache Erde-Unsinn)

Punkt 50 und Punkt 51: Sichtbare Sterne und Sternbilder der Nordhalbkugel dürften nicht auf der Südhalbkugel zu seien sein.

Hier wird behauptet das man Polaris und auch andere Nordhalbkugelsternbilder von der Südlichen Hemisphäre sieht. Da dies aber laut der Kugelerde-Theorie ja nicht möglich sein darf, kann die Erde keine Kugel sein.

Das ist wieder eine Argumentation auf Basis von Ausschluss. Ist ja ein gängiges Verfahren, aber leider hat der Autor es vermieden sich mit den Gesetzen der Optik und den Werten die Ihm für Umfang, Abstand und Radius der Erde zur Verfügung stehen auseinander zu setzen.

So kann man in der Software Stellarium (die sicherlich auch als Falsch von den Flachweltlern interpretiert wird nachschauen).

Hier wird vom 20igsten südlichen Breitengrad gesprochen. Schauen wir doch mal nach, was vom 20igsten Breitengrad auch sichtbar ist.

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Polaris liegt hier rechts neben dem Nord-Zeichen. Ich habe mal den Boden weggenommen um den Stern sichtbar zu machen. Hier sieht man wie weit Polaris vom Horizont entfernt ist und da der Himmel sich ja nun mal unbestritten um diesen Punkt zu drehen scheint und Polaris wie festzementiert ist (siehe Punkt 49) kann dieser auch nicht mal eben über den Horizont steigen.

Wie sieht es aber mit dem Großen Wagen (Große Bärin) aus?

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Natürlich lässt sich der Große Wagen bei 20° südlicher Breite am Nord-Horizont entdecken. Schließlich steht dieses Sternenbild eine ganze Ecke weg vom Himmelspol. Erst wenn man weiter nach Süden schaut, geht der Große Wagen irgendwann unter und ist nicht mehr zu entdecken.

Hier muss man mittlerweile einfach sagen, dass ein großer Teil der Argumentation einfach gelogen und völliger Unsinn sind. Damit bin ich auch schon wieder am Ende der kleinen Videoanalyse.

Abschluss Teil 2

Zum Abschluss dieses Teil möchte ich Euch noch ein interessantes Video mit auf den Weg geben. Falls Ihr mal in die Bedrängnis kommt Euch mit einem Flachweltler zu unterhalten.

Aufgenommen wurde das Video am Bodensee und ein Hobbyastronom filmte hier durch ein Teleskop (!) einen Hafen in etwas mehr als 5 km Entfernung.

Teil 3 der kleinen Serie folgt dann später. Viel Spaß beim lesen und anschauen.

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8 comments

  1. Bernd sagt:

    Schöner Artikel.

    Aber zu Punkt 48 in dem Satz:
    “diesem Punkt des Video’s”

    Bitte keine Deppenapostrophe benutzen, das wirft ein schlechtes Bild auf das Ganze

  2. Alex sagt:

    Die Artikel dieser Reihe sind echt gut.
    Punkt 23 ist jedoch falsch argumentiert. Die Keisbewegung stellt immer eine beschleunigte Bewegung dar. Beschleunigung ist die Änderungen des Bewegungszustandest und zwar nicht nur im Betrag sondern auch in der Richtung.

    • Stefan Gotthold sagt:

      Hallo Alex,
      damit hast Du natürlich vollkommen recht. Ich werde das gleich im Beitrag ändern. Danke für den Hinweis.
      LG, Stefan

    • kurz michael sagt:

      moment, das stimmt so auch nicht ganz. natürlich erzeugt jede kreisbewegung eine andauernde richtungsänderung und somit natürlich auch eine flehkraft.

      wenn sich aber im zentrum der drehbewegung eine schwerkraftmasse befindet und die fliehraft der kreisbewegung sich mit der gravitation die wage hält, so ist das eine umlaufbahn, in der schwerelosigkeit herrscht, bez. diese fliehkraft aufgehoben ist.
      das gilt in jeder umlaufbahn bahn um einen planeten, wie auch in dieser, des planeten um die sonne, oder dieser des sonnensystems um das zentrum der milchstrasse, usw.

  3. […] Erde” oder doch eher “Flaches Hirn”? (Teil 2), Clear Sky-Blog am 10. Januar […]

  4. Alex sagt:

    Ich mache das nur sehr ungern, weil das Video eigentlich wirklich gut gemacht ist, aber ich rate doch von der Verbreitung ab:

    Der Mensch, der das Video produziert hat, in dem er zeigt, wie man am Bodensee die Erdkrümmung beobachten kann, mag kein “Flachweltler” sein, aber ansonsten scheint auch er ziemlich kruden Theorien nachzuhängen. Er nennt sich selbst auf YouTube “Souverän” und seine anderen Videos tragen Titel wie “Entartetes TV-Programm für auserwählte Juden”, “VIELE MIGRANTEN SIND BEZAHLTE SÖLDNER” (nur echt in Schrei-Großbuchstaben), “Deutsche, ihr müsst um die HEIMAT kämpfen” (die Beschreibung dieses Videos beginnt mit “Wer jetzt immer noch abstreitet, ist ein Volksverräter”) und so weiter – eine üble Mischung aus 9-11-Truther-Zeugs und anderen Verschwörungstheorien, Antisemitismus, dem Wunsch nach einem deutschen “Front National” und der immer wieder beliebten Behauptung, der Staat, in dem man lebt, sei ja kein Staat, sondern eine GmbH (im Fall des Videoerstellers die Schweiz). Das ganze wird mit Geschichtsrevisionismus (“Die wahren Gründe für den zweiten Weltkrieg”) und der Behauptung, die Ergebnisse der letzten deutschen Landtagswahlen hätten schon vorher festgestanden, gewürzt.

    Mit anderen Worten: Das eine Video scheint das berühmte Korn zu sein, das auch ein blindes Huhn mal finden kann.

  5. Martin Stein sagt:

    Guten Morgen, ich habe Ihre Ausführungen mit viel Freude gelesen. Sie geben Sie wirklich unglaublich viel Mühe, diesen Schwachsinn zu widerlegen.
    Was mich mal interessieren würde: Wenn Leute wie der Mensch von “Euronia – Die Erde ist flach!” schreiben, Sie hätten Bregenz von Konstanz aus mit dem Fernglas gesehen (es gibt woanders auch ähnliche Behauptungen für andere Erdorte)… ist das eigentlich vorsätzliche Lüge / Phantasie, haben die Hallus, oder kann das unter bestimmten Voraussetzungen tatsächlich mal der Fall sein? … kann ich mir eigentlich beim besten Willen nicht vorstellen…

  6. Rüdiger Braun sagt:

    Zu Punkt 15. Wenn man das Beispiel, wie von ihnen gemacht, auf eine lineare Bewegung überträgt kommt ein nach oben geworfener Gegenstand selbstverständlich an der gleichen Stelle wieder runter, an der er nach oben geworfen wurde. Etwas anderes ist es auf der realen, kugelförmigen Erde. Hier gibt es tatsächlich eine Abweichung. Ahnlich wie bei der sogenannten Ostabweichung für freifallende Körper, macht sich hier die Coriolis-Kraft bemerkbar. Die Kugel bewegt sich vom Erdmittelpunkt weg, und aufgrund des größeren Radius müsste sie eine größere Strecke zurücklegen, um der Erddrehung zu folgen. Hierzu müsste sie in Drehrichtung der Erde leicht beschleunigt werden.

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