Gastartikel: Was haben ein Fahrrad und ein Teleskop gemeinsam? (Carsten Wartmann)

Venustransit_2004_kVor kurzem habe ich hier im Blog dazu aufgerufen doch mal einen Gastartikel zu schreiben. Im August bin ich schließlich selten zu Hause und daher wollte ich die Gelegenheit nutzen und anderen “Schreibern” anbieten, meinen Blog zu nutzen.

Herausgekommen sind einige (wenige) Gastartikel. Einer davon kam von Carsten Wartmann und allein die Überschrift fand ich schon sehr spannend.

Daher freut es mich Euch heute den Gastartikel von Carsten “Was haben ein Fahrrad und ein Teleskop gemeinsam” präsentieren zu können.

 


Was haben ein Fahrrad und ein Teleskop gemeinsam?

von Carsten Wartmann

Warum fahre ich Fahrrad?

Ich erweitere meine eigenen Körperkräfte durch ein technisches Gerät um aus eigener Kraft weiter als zu Fuß zu kommen. Genauso finde ich es herausfordernd mit einem ferngesteuerten Segelflugzeug die Physik so auszunutzen und zu "überlisten" das man ohne Motorkraft stundenlang in der Luft bleiben kann. Warum sollte ich mir ein Auto nehmen und damit vielleicht "Fahrspaß" (heutzutage?) zu gewinnen?

Warum Astrofotografie?

Ich sehe wie oben das Fahrrad das Teleskop als technische Erweiterung meiner Sinne und Kräfte. Nun kann man in Analogie zu oben meinen das man mit dem Geldwert eines Sportwagens sicher weiter kommt als mit eine kleinen Hobbybudget und das sich "Astrofotografie mit dem Equipment nicht lohnt". Das ist aber nicht der Punkt eines Hobbys (nach meiner Definition eine Freizeitbeschäftigung die man regelmäßig und mit gewissem Erst ausübt ohne das sie in Stress ausartet).

Ich erwarte nicht das ich mit meinen Fotos Bücher oder Zeitschriften beglücken kann, was ich aber erwarte ist das ich mich mit den Bildern noch länger beschäftigen kann, sei es um sie zu betrachten, meiner Familie und Freunden zu zeigen oder sie mit Sternenfreunden zu diskutieren. Die Nachbearbeitung (Bildbearbeitung, Stacken etc.) ist dabei Teil des Spaßes und definitiv eine Erweiterung meiner Sinne! Ziel erreicht.

Weiterhin ist die Astrofotografie natürlich ein weit gesteckter Bereich, ob man nun Fotopapier in Filmdosenlochkameras steckt, eine Webcam auf den Himmel richtet, Widefield mit Kompaktkameras oder DSLR macht oder tatsächlich Teleskope mit montierten Kameras benutzt, dies alles ist Astrofotografie und ist alles mit Mühe und nötigem Wissen (das man erlesen kann aber besser in der Praxis erarbeitet) verbunden.

Wie kam ich zur Astrofotografie?

Bis vor einem Jahr hatte ich kein eigenes Teleskop, ich habe mir aber schon in meiner Jugend immer Freunde mit Teleskopen geschnappt und bin mit ihnen los. Was blieb sind tolle Erinnerungen wie z.B. eine Jahrhundert-Planetenparade oder der Einschlag von Shoemaker-Levy 9 auf dem Jupiter. Auch in der Analogfilmzeit hat man mal eine Langzeitbelichtung gemacht oder das Tele auf den Mond gerichtet, aber das war doch alles sehr aufwändig. Im beginnenden Zeitalter der Digitalkameras dann noch ein Highlight: Venustransit vor der Sonne 2004, projiziert und mit Digitalkamera aufgenommen.

Venustransit 2004

Dann lange Ruhe. Mit der neuen Panasonic FZ50 und deren genialem Tele mal den Mond aufgenommen. Nett. Anfang 2015 gab es dann ein erotisches Rendezvous am Abendhimmel: Venus und Mars in Konjunktion! Weil meine FZ50 zwischenzeitlich gestohlen wurde, hatte ich nun eine NikonD3100 DSLR und mein Schwager hatte doch mal den Skywatcher 910/90 Refraktor gekauft der jetzt auf seiner EQ-Klappermontierung einstaubte im Wohnzimmer…. Zu der Zeit hatte ich meinen ersten 3D Drucker und habe flugs mal ein Adapter von 1.25" auf Nikon Bajonett gedruckt. Erst mal den Mond… Ok, das ist brauchbar… Nur noch "schnell" das verharzte Fett aus der Montierung kratzen…. Am Tag der Konjunktion hatte ich auch erst grob verstanden was so eine EQ-Monti macht… Aber hey ich habe einen rötlichen Blob neben einem überstrahltem Blob fotografiert. Ja es sind Venus und Mars und ich war da und bereit in der kurzen Zeit zwischen Dämmerung und Untergang der beiden!

Erotisches Rendezvous

Da nun das Teleskop schon mal da war habe ich etwas später mal auch versucht Sterne zu fotografieren, nachdem das so leidlich klappte (Montierung….) habe ich dann mal das Teleskop auf den Orionnebel gerichtet. Was ich dann nach ein paar Testbildern (mehr als 5s ging nicht… Ihr wisst schon Montierung…) auf dem Kameradisplay sah war die Initialzündung: FARBEN! Deepspace. GEIL (Entschuldigung, bin in den 80ern pubertiert).

Rohbild aus Kamera

Noch in der gleichen Nacht habe ich mich in Deep Sky Stacker eingearbeitet und konnte irgendwann als der Morgen graute mein erstes Deep-Sky Bild aus GIMP ziehen. Ich war verloren :-)

Gestacktes und bearbeitetes Bild

Bekanntermaßen sieht man ja mit unseren menschlichen Augen bei Deepsky Objekten kaum/keine Farben, hier also wieder die Erweiterung der eigenen Unzulänglichkeiten durch Kamera und Computer.

Ich *musste* ein Teleskop haben. Nur welches. Ganz schnell habe ich mich für ein Goto System entschieden, denn nach eher frustrierenden Versuchen an meinem Berliner lichtverschmutztem Himmel etwas zu finden und nachdem ich selbst bei gutem Himmel ewig gebraucht hatte M57 zu finden und beim Wechsel von Okular zu Kamera auch wieder zu verlieren, war ich mir sicher das zu brauchen. Aber nur das NexStar SLT passte so halbwegs in mein Budget. Dafür gibts einen Newton, zwei Maks (90 und 127) und einen Reflektor. Nach ein "paar" Stunden Internetrecherche und Bildern die den Orionnebel mit dem MAK 127 aufgenommen zeigten, entschied ich mich für den Mak127, ich hatte eine vage Vorstellung was damit ging und was nicht, und Planeten wollte ich ja auch schauen und und und. Was f11 bedeutet war mir aber wohl nicht ganz klar…

Planetare Nebel macht der Mak127 ganz gut

Und dann fing ich an zu basteln, das Stativ vom Skywatcher ersetzt das Wackeldackel Stativ vom SLT, hier wird ein Teil gedruckt, da ein Kabel gezogen, hier eine Software installiert… Oft machen Lichtverschmutzung und teils wackeliges Tracking alles kaputt, aber hey es macht Spaß und ich bin immer wieder erstaunt was man so rausholen kann, wovon man visuell oder auch bei den Rohbildern nichts gesehen hat. Und egal wie schlecht die Bilder sind, wieder was gelernt! Und eine Erinnerung mehr.

Alles war gegen mich, aber man erkennt was das ist!

Seitdem entwickle ich mich und mein Teleskop immer weiter, inzwischen macht die Fotos eine Nikon D5100, es kam eine ZWO ASI120MC Planetenkamera hinzu (die auch etwas Deep Sky kann ;-) und diverse alte aber gute Nikon Objektive müssen an DSLR oder ASI120MC arbeiten, immer noch vom NexStar SLT durch den Himmel geschoben. Das Mak127 glänzt natürlich für Planeten, Mond und Sonne.

Animation Jupiter Mak127 und 3x Barlow, ASI120MC

Aber auch das Experimentieren mit komplett vom Computer gesteuerten Beobachtungen (Mount, Kamera, Focus, Teleskop Heizung) macht Spaß, ich bin nur noch ein Kabel vom echten Remote-Observatorium entfernt ;-) Natürlich alles im Rahmen meiner Möglichkeiten.

Hier mal zwei Extrembilder meines Setups, einmal eiskalt, einmal sehr heiß:

Planetenjagt  Merkurtransit

Die besten/interessantesten Bilder (Planeten, ISS (Traces und Doppelter Solarer Transit), Iridiums, Sonne (Merkurtransit, Flecken, Sofi), Widefield, DeepSky, Mond) habe ich in meinem Google-Fotos Album:

Fotoalbum Carsten bei Google+

und bei DSO-Browser (Tipp!):

Fotoalbum DSO-Browser

Natürlich beantworte ich gerne Fragen sei es per Kommentar oder persönlich auf einem Sternenfreunde Treff!

Gruß und "Clear Skies",
Carsten


Vielen Dank Carsten für die tollen Einblicke und Deinen Werdegang. Es ist ein wirklich guter Bericht geworden und ich persönlich Lese solche Stories sehr gern.

Hinweis: Alle Bilder stammen von Carsten Wartmann und dürfen ohne seine Genehmigung nicht weiter verwendet werden!

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