Astronomie für Blinde – beeindruckender Besuch von Frida (10)

astrobox1Wer meinem Facebook- oder Twitter-Kanal folgt, hat es diese Woche schon mitbekommen. Am Montag hat sich Frida (10), ihre Lehrerin und Ihr Papa bei uns im Planetarium angekündigt. Da Benjamin und ich den WELTALL-FORSCHER-CLUB für Kinder von 10-12 Jahre leiten, haben wir uns natürlich sofort bereit erklärt mit Frida ein wenig über Ihr Interesse, die Astronomie, zu sprechen.

Das Besondere an Frida ist: Sie ist fast komplett blind. Der Besuch von Frida hat mich aber sehr beeindruckt und begeistert. Damit vielleicht auch andere Kollegen an Sternwarten und Planetarien oder auch Hobbyastronomen mit solchen Anfragen umgehen können, habe ich beschlossen einen Bericht darüber zu schreiben.


Vorbereitung und die Astro-Box

Der Termin stand schon lange fest und ehrlich gesagt haben wir uns in den letzten Wochen noch nicht all zu viel Gedanken gemacht. Das lag zum einen an sehr vielen Terminen, was aber keine Ausrede sein soll, und zum anderen daran, dass sowohl Benjamin (pädagogische Leiter im Planetarium) und ich keinerlei Erfahrungen haben mit der Vermittlung von astronomischen Wissen für blinde und sehbehinderte Menschen.

In meiner Selbständigkeit war mir schon lange klar, dass ALLE Menschen sich für Astronomie, das Universum und die Fragen dazu interessieren. Warum sollte das bei Blinden anders sein?

Daher hatte ich vor ca. 1,5 Jahren begonnen ein Konzept mit diversen Experimenten für Blinde zu entwickeln. Die Astro-Box für Blinde. Aufgrund einiger negativen Rückmeldungen blieb es aber bei dem Konzept. Die Astro-Box selbst wurde dann von mir weiterentwickelt und sollte von nun an jedem Menschen bzw. allen Kindern dienen ohne eine Spezialisierung auf blinde Menschen zu besitzen.

Am Montag, den 12.9., sollte aber nun die Astro-Box zeigen ob sie auch für Blinde Menschen geeignet ist. Am Wochenende vor diesem Tag habe ich also das Konzept aus der Schublade geholt und die Experimente die für Blinde geeignet waren mitgenommen.

Welche Experimente das waren beschreibe ich später noch etwas.

Der Besuch von Frida

Frida ist ein kleines und sehr aufgewecktes Mädchen. Sie scheut keinen Kontakt. Ich hatte etwas bedenken wegen meiner Konzentration. Nach 5 Stunden technischer Einweisung im Planetarium und 1 Stunde WELTALL-FORSCHER-CLUB an diesem Tag, wusste ich nicht wie anstrengend alles wird. Doch als Frida gegen 18:30 Uhr im Planetarium ankam, war alles erst einmal vergessen und die Müdigkeit war fort.

Im Gegenteil, Frida war an diesem Tag etwas müde und die Lehrerin erklärte mir, dass Frida sich gerade in die MAC-Welt selbst einarbeitet und da Sie kein Gefühl für Tag und Nacht hat, oftmals bis tief in die Nacht an Ihrem Computer sitzt. Sie war wohl an diesem Tag auch schon einmal in der Schule weggenickt.

Was Benjamin und ich dann in der nächsten Stunde erlebten, war aber begeisternd und beeindruckend.

Natürlich setzten wir uns mit Frida zusammen und fingen ganz normal an unsere Fragen zu stellen. Wir mussten uns ja auch erst einmal ein Bild machen. Erstaunlich war das Frida schon extrem viel über das Weltall, unser Sonnensystem und die Zusammenhänge wusste. Schnell wurde uns klar, dass Sie einen Wissensstand hatte, der vielen 10jährigen Mädchen und Jungen weit voraus war.

Natürlich fehlte bei Frida oftmals die visuelle Vorstellung von bestimmten Zusammenhängen, aber genau hier greift die Astro-Box.

Die Astro-Box

Nachdem wir uns kurz “beschnuppert” hatten und wir nun auch ungefähr wussten, wo Frida mit Ihrem Wissen steht und welche Fragen Sie zum Universum hat, entstand eine rege Diskussion und ein tolles Gespräch.

So sprachen wir über die Sonne und die Erde. Hierzu habe ich in meiner Box eine 150mm Styropor-Kugel, die ich sehr gern zu Vorträgen mitnehmen. Sie repräsentiert die Sonne. Rechnet man nun die Größe der Erde auf diese Sonne, kommt ein Stecknadelkopf heraus.

Erde-Sonne-Vergleich

Frida konnte die Sonnen-Kugel nun also gut einschätzen und nachdem ich Ihr die Stecknadel in die Sonne gesteckt hatte, war die erste Aussage: “Boah, so klein ist die Erde?”. So konnte sich die Stecknadel selbst erfühlen und hatte eine gute Vorstellung von den Größenverhältnissen Erde-Sonne. Nimmt man jetzt die Abstände Erde-Sonne auf diesem Model dazu, muss Frida 16 große Schritte (16m) ablaufen und bekommt auf diese Größenordnung noch eine Vorstellung von den Abständen.

Finsternisse

Danach ging es im Sonnensystem weiter. Finsternisse waren das nächste Thema und hier wird es natürlich sehr kompliziert. Als erstes mussten wir die Frage klären: Was ist ein Schatten? Bei Frida gab es den großen Vorteil, dass Sie noch eine geringe Hell-Dunkel-Wahrnehmung hat. Hier kann man also gut angreifen und erklärt eben den Schatten mit Händen vor den Augen. Das probierte Sie natürlich auch gleich aus. Bei komplett blinden Menschen würde ich z.B. Wärme dazu nehmen. So wird es im Schatten kühler, wenn man aus der Sonne heraustritt. Diesen Wärmeunterschied spürt man auf der Haut.

Jetzt konnten wir erklären, dass nicht nur Hände einen Schatten werfen, sondern eben auch Mond und Erde. So konnte man mit entsprechenden Kugel aus der Astro-box für Erde-Sonne-Mond sowohl die Sonnenfinsternis als auch eine Mondfinsternis erklären.

Hierbei muss ich aber noch einige Ideen entwickeln wie man z.B. Halbschatten erklären kann. Das ist relativ schwer zu realisieren, aber auch da habe ich schon einige Lösungen im Dokument zu stehen.

Planetenvergleich

astrobox2Nachdem wir also Sonne-Erde-Mond abgehandelt hatten und viel darüber sprachen, ging es weiter im Sonnensystem.

Die Planeten waren nun dran. Natürlich gingen wir die Planeten durch und erklärten auch den Merkspruch “Mein Vater erklärt mir jeden Sonntag unseren Nachthimmel”.

Dieser Planetenvergleich im Experiment funktioniert leider nicht mehr mit einer 150mm-Kugel. Daher habe ich in der Astro-Box eine 1,4 Meter Stoffsonne. Diese legten wir auf unseren großen Konferenztisch und Frida konnte die Stoffsonne erfühlen.

Wie oft passt die Erde in die Sonne? – ein Ratespiel mit einer 1,3 cm Erde. Ich habe neben der Stoffsonne alle Planeten als Perlen oder Styroporkugeln in der Box drin. Ich gab Frida also die Erdkugel und beschrieb Ihr das diese Größenverhältnisse die gleichen sind, wie auch schon bei der Styroporkugel. Nur eben etwas Größer. 109 Perlen hatte ich auf einer Schnur aufgefädelt und bevor ich Frida die Schnur mit den Erden gab, sollte Sie ein wenig Raten. Weit weg war Sie von der Antwort nicht. Nachdem Sie die Schnur mit den 109 Erden über die Sonne legte, erweiterte sich Ihre Vorstellung von Erde und Sonne noch einmal.

astrobox3

Jetzt flogen wir gemeinsam durch das Sonnensystem und um den Planetenmerksatz zu vertiefen fragten wir nach und nach die Planeten ab. Jedes mal wenn Sie einen Planeten richtig bezeichnete drückte ich Ihr die entsprechende Kugel in die Hand. Merkur, Venus, Erde, Mars waren relativ klein zu der Erde und Frida merkte selbst das die Venus so groß wie die Erde ist und der Mars eben halb so Groß. Das konnte Sie erkunden. Anschließend ging es zu den Gasplaneten und der Größenunterschied beeindruckte Frida sehr.

Bei jedem Planeten konnte wir natürlich über die Temperaturen, die Beschaffenheit, die Oberfläche und vieles weitere Sprechen. Das machen wir in unseren Planetenreisen im Planetarium ja auch.

Mit diesen 3 Experimenten war die Stunde auch schon vorbei und wir merkten auch das Frida wirklich voller Konzentration mitgearbeitet hat. Selbst der Vater war begeistert von Ihr und sagte uns eben auch, dass Sie ja eigentlich so Müde vorher war.

Verbesserungen und weitere Experimente

Seit dem Besuch von Frida denke ich natürlich über weitere Experimente nach. So habe ich noch einen 3D-Model vom Mond mit Kratern und Meere im Planetarium zu liegen. Diesen muss ich auf jeden Fall in meine Box integrieren. Aber auch für Sternbilder habe ich tolle Ideen.

Schwieriger wird es bei den Jahreszeiten und den Mondphasen. Aber auch da habe ich schon unterschiedliche Ideen für die Umsetzung.

Bei dem Planetenvergleich werde ich eine kleine Änderung im Experiment vornehmen und die unterschiedlichen Planeten an der Stoffsonne befestigen. Somit können die Kugeln nicht vom Tisch rollen und Frida oder andere können immer wieder auf einen Vergleich zwischen den Planeten zurück greifen.

Fazit

Frida hat mir gezeigt, dass auch blinde und sehbehinderte Menschen eine große Begeisterung für das Universum, das Weltall und unser Sonnensystem entwickeln. Sie haben viele Fragen und möchten natürlich Antworten darauf haben.

Für mich war es eine tolle Erfahrung und ich habe wieder sehr viel Mut und Energie geschöpft und werde mein altes Projekt “Astronomie für Blinde” aus der Schublade holen und weiter entwickeln. Vielleicht entsteht hier wirklich eine Astrobox, die man auch anderen Zuschicken kann.

Jeder der solche Anfragen erhält sollte sich diesen Stellen. Es ist nicht so schwer einige der uns bekannten Experimenten auf die Anforderungen anzupassen. Es gibt außerdem viele tolle Ideen in diesem Bereich.

Ich bin sowohl durch als auch von Frida begeistert und freue mich schon heute sehr auf den nächsten Besuch von Ihr. Wir können hier sicherlich noch viele tolle Sachen machen und vielleicht sogar den WELTALL-FORSCHER-CLUB in dieser Richtung erweitern. Das wird aber die Zeit zeigen.

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